Spiel

Das Wasser sprudelte, er spürte den Sog. Der Fels war griffig und nass, er steilte schon unterhalb der Wasseroberfläche auf. Mehrmals hatte Matthew erfolglos versucht, mit den Fingern Halt zu finden, den Schwung des anrollenden Wassers zu nutzen, die Beine gegen zu stemmen und sich hochzuziehen. Mehrmals hatte ihn die Welle wieder zurück ins Meer gezerrt.

Er atmete ein, spannte seine Muskeln an und drückte sich nach oben, kletterte ein Stück weit. Als er sicher auf einem Vorsprung stand, den er heute Morgen vom Pfad im oberen Teil der Klippe nur erahnt hatte, bemerkte er wie seine Beine zitterten.

Von hier aus schien der Strand weit entfernt. Matthew lehnte sich nach vorn an dem Fels. An seinem rechten Unterarm schlängelte sich Blut entlang, nur ein Rinnsal, von den Knöcheln kommend.

Er sah nach oben. Vielleicht zwanzig, fünfundzwanzig Meter über ihm verlief der schmale Pfad, der zum Strand führte. Von oben hatte es gewirkt, als würde er zur Not einfach weiter klettern, aber je höher es ging, desto mehr trat der Fels zurück. Grobkörniger Sand, Rinnen voller Sand und kleiner Steine. Eine Rutsche, hinab auf den Felsen. Ausgeschlossen.

Einige Meter weiter oben saßen die drei Jungs und das Mädchen. Aus der Nähe betrachtet sahen sie jünger aus, vielleicht dreizehn, vierzehn Jahre alt. Ihre Beine baumelten locker über den Rand des Felsbandes. Sie winkten ihm zu.

Matthew begann zu klettern. Der Fels war hier gut und trocken. Leicht zurückgeneigt, Löcher, in die er seine Finger zwängen würde, kleine Vorsprünge, auf denen er die Ballen abstellen konnte. Guter Fels, aber immer noch scharfkantig. Er ahnte einen Schatten über sich hinweg huschen. Einen Augenblick später das Geräusch eines ins Wasser eintauchenden Körpers.

„Ich gehe schwimmen“, hatte er gesagt und war aufgestanden. Claire hatte sich nicht gerührt. Gibst vor, dass du schläfst, aber er behielt das und alles andere, was ihm noch hochgekrochen kam, bei sich. Er stand auf, betrachtete sie noch einen Moment lang, ehe er sich umwandte. Sobald das Wasser tief genug war, begann er zu schwimmen.

Sie sah seinen Kopf zwischen den Wellen auftauchen, schließlich zog er nach links hinüber, wo die Klippe ins Meer schnitt. Sie sah, den Weg, der nach unten führte. In den Felsen gehauene Stufen, schmal. Ein Geländer aus dicken Holzbalken. Sie setzte ihre Schritte vorsichtig, wenn sie morgens an den Strand kamen. An einer Stelle hing der Fels auf Kopfhöhe über. Diese Passage mochte sie nicht und sie griff jedes Mal unwillkürlich fester nach dem Holzbalken.

Gestern erst hatte sie gemerkt, dass sie abends beim Aufstieg an dieser Stelle besser zurecht kam, aber Matthew konnte ihr nicht erklären, warum das so war. Seine Antwort „hinauf ist immer leichter als hinab“, hatte ihr nicht genügt. Der nächste Streit entbrannte noch ehe sie zurück am Wagen waren, ohne ein weiteres Wort stieg sie ein und kurbelte zuerst das Fenster auf ihrer Seite, dann das auf der Fahrerseite nach unten. Die Sonne hatte das Innere den Tag über aufgeheizt. Besser als die Klimaanlage war ohnehin der Fahrtwind durch die offenen Fenster. Im Seitenspiegel konnte sie sehen, wie Matthew sich umzog. Nackt stand er neben dem Wagen, der Verkehr der Küstenstraße kümmerte ihn nicht. Als er sich leicht bückte, um zuerst in das eine Bein der Jeans, dann ins das andere zu steigen, wölbte sich sein Bauch nach vorn. Sie erinnerte sich, wie flach er gewesen war. Er trank eindeutig zu viel, trieb zu wenig Sport. Sie spürte die Ungeduld in ihr kochen, während er bedächtig seine Jeans zuknöpfte und zuerst sein Schwanz, dann der dunkle Haarkranz hinter Stoff verschwand.

„Lass uns essen gehen“, sagte er, als er den Wagen startete. Während Claire am Radio nach einem Sender suchte, musterte sie ihn. Die Sonne hatte sein Gesicht und die Schultern verbrannt. Bald würde sich die Haut etwas ablösen. Wie so oft hatte er darauf verzichtet, sich einzucremen. Er fuhr schnell, aber konzentriert die Kurven der Küstenstraße aus. Seine Lippen umspielte ein Lächeln, das sich in den Fältchen in den Augenwinkeln fortsetzte.

Sie legte das Buch beiseite, es langweilte sie ohnehin und sie wusste auch nicht mehr, warum sie diesen Roman, von dem sie gehört hatte, dass er gut zu lesen wäre, überhaupt mitgenommen hatte. Claire streckte ihre Beine aus und kroch unter dem aufgespannten Schirm hervor. Es war erst fünf, und ehe die Sonne unterging, wollte sie den Strand nicht verlassen. Sie mochte das schmale Stück Land am Meer, eingezwängt zwischen den Klippen und wer nicht wusste, dass es diesen Strand gab, der würde ihn nicht finden. Touristen verirrten sich selten hierher und der Lärm der Küstenstraße war hier unten nicht zu hören. Nur die Bahn, die zweimal in der Stunde oberhalb der Straße auf der Trasse fuhr, aber daran hatte sie sich in den letzten zwei Wochen schnell gewöhnt.

Als Matthew den Wagen auf den kleinen Parkplatz gelenkt hatte und am oberen Ende der Klippe sagte, „ich denke, diesen Pfad da müssen wir hinunter “, wollte sie ihm zuerst nicht glauben.

Tatsächlich breitete sich die schmale Bucht vor ihnen aus, sobald sie einen Felssporn umrundet hatten. In der Mitte etwa erhob sich ein mehrere Meter hoher Felswall, über den ein sanft ansteigender Weg führte. Der vordere, kleinere Teil des Strandes war mit Felsblöcken durchsetzt, nur ein kleiner, freier Sandstreifen direkt in den auslaufenden Wellen. Auf dem Wall stand ein kleiner Kiosk, ein Streifen hochgeschossener Bambuspflanzen wogte auf an den Rand des Walls gepflanzt, im Wind, der vom Meer kam. An seinem Rand gab Duschen, hinter dem Kiosk stand eine Toilette, die erstaunlich sauber war und unter einem Sonnensegel wartete ein Billardtisch darauf, dass jemand spielte.

Dahinter erstreckte sich ein vielleicht fünfzig Meter langer Sandstrand, an seinem Ende neigte sich die Klippe weit nach vorn, spendete etwas Schatten. Claire und Matthew bevorzugten die kleinen Freiflächen zwischen den Felsblöcken. Ab und an wehten Stimmen zu ihnen herüber, Musik aus den Lautsprechern, die an den vorderen Ecken des Kiosks hingen.

Sie spürte den Hunger in ihrem Magen und eine Lust, in der schwächer werdenden Sonne des Nachmittags ein Glas Weißwein zu trinken und auf einer der Holzbänke vor dem Kiosk zu sitzen, den Blick aufs Meer gerichtet. Wenn Matthew wirklich zur Klippe schwimmen würde, bliebe er sicher länger weg.

Matthew hatte sich etwas neben die Jugendlichen gesetzt, hier verjüngte sich das Felsband, es lief schmal zu, um dann abrupt abzubrechen. Er beneidete den Jungen, der vorhin gesprungen war, um die Leichtigkeit, mit der er jetzt aus dem Wasser kam und die Klippe emporkletterte. Vielleicht lagen zwanzig Jahre zwischen ihnen, vielleicht auch fünfundzwanzig, er vermochte es nicht zu sagen. Seine Beine zitterten nicht mehr, aber die Anstrengung, heraus zu schwimmen, Halt zu finden, und die Klippe emporzuklettern, hatte er unterschätzt. Den Platz, an dem Claire und er lagerten, konnte er von hier aus nicht sehen, aber er wusste, dass Claire ihn vielleicht sehen würde, wenn er schließlich sprang, um zurückzuschwimmen. Er würde später weit nach vorn springen müssen, um genügend Abstand zwischen sich und den geneigten Felsen zu bringen. Es hatte so nah ausgesehen, vom Stand aus, vielleicht hundert, vielleicht zweihundert Meter, aber die Wellen waren weiter draußen stärker gewesen, als gedacht und er hatte einen größeren Bogen um die Klippen gemacht, als geplant. Gestern schon hatte er einige Jugendliche springen sehen und sich gefragt, ob er den Mut dafür nochmals aufbringen würde.

„Hast du heute nachmittag die Jugendlichen heute springen sehen“, fragte, während er mit seiner Gabel ein Stück Languste aufspießte.
„Mhm.“
„Würdest du hinausschwimmen und dort hinunterzuspringen?“
„Nie im Leben.“
„Und wenn wir von oben aus dorthin gelangen könnten?“
„Dann ebenfalls nicht.“

Das Essen schmeckte ebenso gut wie in den Jahren zuvor. Er erinnerte sich gut an die ersten beiden Jahre und die Neugier, mit der sie zuerst das Haus entdeckt, dann die Gegend erkundet hatten. In diesem Sommer waren sie noch nicht lange zusammen und die Sonne spiegelte sich auf ihren lachenden Gesichtern. In den Nächten schliefen sie nicht, dafür über den Morgen bis in den Mittag hinein. Das Haus stand allein, etwas vom Meer entfernt in den Hügeln gelegen, zu weit, um zu Fuß zu gehen und nah genug, um das Meer nicht zu vermissen. Nicht weit davon erhoben sich die Ausläufer der Berge und da es keine Nachbarn gab, scherten sie sich um nichts. Im zweiten Jahr wurde ihr Radius größer, die Tagesauflüge gingen an weiter entfernte Orte. Bergdörfer ebenso wie Küstenstädte und die Nächte blieben lang, ebenso die Tage.

In diesem Jahr wollte Claire früh aufstehen, um ans Meer zu fahren, Tag für Tag, am Abend ging sie früh schlafen und er saß auf der Terrasse des Hauses, trank ein Glas Rotwein und sah in die Nacht hinaus. Sie waren seit zehn Tagen wieder hier und die einzig nennenswerte Entdeckung, die ihnen gelang, war die Bucht. Als er heute Nachmittag erneut die Springer sah, stand er auf. Er zählte vier, die in rascher Reihenfolge gesprungen waren, mehrmals hintereinander. Und einer der vier Springer, Matthew war sich sicher, war ein Mädchen. Claire schlief im Schatten eines der Felsblöcke. Er setzte sich ein Stück neben ihr, überlegte, ob er vorsichtig das Buch, das sie noch aufgeschlagen in der Hand hielt, beiseitelegen sollte, um an sie heranzurücken. Aber dann dachte er daran, wie sie gestern Nacht und in den Nächten zuvor seine Hand weggeschoben hatte.

„Ich gehe schwimmen“, sagte er und stand auf. Sie lag da, leicht seitlich, die Beine angezogen, den Kopf auf dem ausgestreckten Arm abgelegt.? Er war sich nicht sicher. Seit heute Morgen hatten sie kaum ein Wort miteinander gesprochen. Der Kaffee und die Sandwiches, die er ihr am Mittag vom Kiosk holte, hatten ihr leises „Danke“ entlockt. Wenn er rauchen wollte, deutete sie ihm mit einem Kopfnicken an, sich weiter weg zu setzen. Sobald sie ihr Handtuch ausgebreitet hatte, stöpselte sich Kopfhörer ins Ohr, oder griff nach ihrem Buch, wie die letzten Tage zuvor. Schlief sie jetzt wirklich? Er wandte sich ab, ging zum Meer und begann zu schwimmen, sobald das Wasser tief genug war.

Claire zündete sich die dritte Zigarette an, ihr Weinglas war fast leer. Welcher Tag heut war, wusste sie nicht. Mittwoch, Donnerstag, es war ihr egal. Der Strand begann sich zu leeren und sie genoss das Abebben des Lärms, der am frühen Nachmittag seinen Höhepunkt erreicht hatte. Vor allem aber genoss sie, allein zu sein. In den ersten Tagen hatten Matthew noch versucht, in Gespräche zu verwickeln. Als er das erste Mal aufgestanden war, um sich weiter weg zu setzen, und sich eine Zigarette anzündete, hatte sie es erkannt.

Sie erinnerte sich noch gut an den Nachmittag, der bereits in den Abend überging, ihr Telefon läutete. Sie wollte liegen bleiben, die Lider geschlossen hatten, sich nicht bewegen, bis der Schmerz in ihrem Kopf ebenso verschwunden war, wie das untrügliche Gefühl in ihrem Magen.
„Hey“
„Wo bist du?“
„Zuhause.“
„Müde?“
Sie konnte die Anspannung in seiner Stimme hören, den stillen Vorwurf, der mitschwang, und sie wünschte, er würde sie später anrufen.
„Wurde spät“
„Wo bist du denn gewesen?“
„Weiß ich nicht mehr.“
Er schwieg.
„Ich rufe später zurück.“

Sie erzählte ihm alles, woran sie sich erinnern konnte. Nachdem er aufgelegt hatte, dauerte es nicht lang, bis sie wieder einschlief. Als sie erwachte, war es nachts. Sie ging in die Küche, rauchte eine Zigarette, trank mit hastigen Schlucken zwei Gläser Wasser. Das Telefon läutete erneut, aber sie ignoriert es, es war ohnehin nicht Matthew, sondern eine Nummer, an die sie sich nur dunkel erinnerte. Noch zweimal läutete ihr Telefon, sie sah auf die Uhr, es war viertel vor zwei. Claire legte sich erneut schlafen. Morgen würde sie das in Ordnung bringen dachte sie beim Einschlafen. Sie würde ihm sagen, dass er sich nicht mehr bei ihr melden sollte. Matthew würde sich beruhigen, sie war sich sicher.

Neben ihr auf der Holzbank saß ein Mann. Er trank ebenfalls Wein, lächelte ihr zu.
„Haben Sie eine Zigarette für mich?“ Sie wich dem Blick aus seinen klaren Augen aus, als sie ihm das Feuerzeug reichte. Er lächelte. Musterte sie und sie spürte, wie sich Widerwillen und Begehren in ihr vermischten. Braungebrannt, kurz geschnittene Haare, die Frisur eines erfolgreichen Mannes. Falten an den richtigen Stellen. Präsenz. Kein heller Streifen an einem der Finger. Der Mann sah gut aus, vielleicht Ende Vierzig, Anfang Fünfzig.
„Danke“,
Claire wandte sich ab.
„Spielen wir?“

Nachdem dem Jungen war das Mädchen gesprungen. Matthew achtete darauf, wie viel Schwung sie geholt hatte. Er stand auf. Es waren nur einige Meter nach unten, vielleicht sieben, vielleicht acht. Am Grund waren die Felsen zu erkennen, die Wellen brandeten in einem Rhythmus an, in dem er eine gewisse Regelmäßigkeit erkennen konnte. Er musste losspringen, wenn die Welle anlief, um in den Rücksog zu geraten, überlegte er, das würde ihn automatisch von den Felsen entfernen. Ihm schwindelte, er setzte sich, atmete tief ein und aus. Er suchte den Mut, zu tun, wofür er hierher geschwommen war. Die Sonne hatte sich nah übers Wasser gesenkt, wenn er zu lange wartete, würde er im Sonnenuntergang zurückschwimmen und frösteln, wenn er aus dem Wasser kam. Claire würde vielleicht wütend sein.

Vor etwa einem Jahr bat sie ihn, sich an den Tisch zu setzen.
„Das macht keinen Sinn mehr mit uns.“ Er fragte sie, ob sie verrückt geworden sei. Claire schüttelte den Kopf. „Siehst Du es denn nicht?“ Nein. Er sah es nicht. Die Tage, die Nächte, er erinnerte sie nicht. Fast genau auf den Tag zwei Monate, nachdem sie ihn verlassen hatte, rief sie ihn an. Sie verabredeten sich, gingen aus, verbrachten die Nacht miteinander und frühstückten am nächsten Tag zusammen. Einige Wochen später saß er in seinem Wagen, ein Schweißfilm klebte noch auf seiner Stirn. Eben erst war er aus der Boxhalle gekommen, hatte hart trainiert, das erste Mal seit längerer Zeit. Überlegt, wie er Claire fragen sollte, ob sie nochmals in das Haus am Meer fahren wollten und dann beschlossen, es einfach zu tun.„Hey.“
„Na, wo bist du denn?“
„Zuhause.“ Er konnte an ihrer Stimme hören, dass sie verkatert war, viel getrunken hatte.
„Müde?“
„Wurde spät.“

Claire stand auf und ging an den Rand des Walls, der Bambus rauschte im Wind. Matthew war noch nicht zurück. Sie hatte die Blicke des Mannes gespürt. Die Sonne stand tiefer und sie wurde hungrig. Sie wandte sich um, ging zurück zur Bar und bestellte ein weiteres Glas Wein. Dann ging sie hinunter zum Sandstrand und setzte sich in den warmen Sand. Die Liegen waren mittlerweile alle unbesetzt, bis auf einige Handtücher war der Strand fast leer. Der Mann ging an ihr vorbei, stand einige Augenblicke im hüfthohen Wasser. Kraftvoll kraulte er aufs offene Meer hinaus. Matthew schwamm ungern weit nach draußen, erinnerte sie sich. Bis heute jedenfalls.

Er hatte gut gespielt, aber etwas anderes erwartete sie nicht. Konzentriert, mit ruhigen, sanften Stößen lochte er Ball um Ball ein. Im zweiten Spiel half er ihr, eine bessere Position zu finden. Als er ihr nahe kam, spürte sie ihn. Wie er es gezeigt hatte, stellte sie die Beine etwas weiter auseinander, beugte sich aus dem Rücken heraus nach vorn. Die Finger der einen Hand aufgesetzt, das Kinn tief über den Queue gestreckt, atmete sie langsam aus, stieß. Der Ball fiel ins Loch. Ihre Freude brachte ihn zum Lachen. „Bis zum nächsten Spiel.“ Er nickte ihr zu.

Nachdem Matthew sie gefragt hatte, ob sie nochmals ins Haus fahren wollten, hatte sie ohne zu zögern zugesagt. Sie liebte das Haus, den Garten, das Meer. In den Wochen vor ihrem Urlaub hatten sie sich nur selten gesehen, mehr gesprochen. Sie stand auf, arbeitete, traf sich abends nach Feierabend mit Freunden, an den Wochenenden ging sie meist mit Matthew aus.

Matthews Hand zitterte etwas, er glitt mehrmals mit dem Schlüssel ab. In der Wohnung dimmte er das Licht, holte zwei Gläser und eine Flasche Wodka aus dem Schrank, gab Eiswürfel in die Gläser und wartete auf der Couch. Sie war ins Bad verschwunden, betrachtete sich im Spiegel, die müden Augen, es war bereits halb fünf Uhr morgens. Sie hatte darauf bestanden, die Party nur zu verlassen, wenn er garantieren könnte, dass sie zuhause noch etwas zu trinken hätten. Durch die Tür hörte sie ihn im Wohnzimmer hantieren, er hatte Musik aufgelegt. Sie spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht, trocknete ihre Haut sorgfältig ab und fischte noch im Gehen eine Zigarette aus der Tasche ihres Blazers.
Sie lehnte im Türrahmen, ein Bein leicht vorgestellt, die Ferse angehoben, die Hände in den Taschen des Blazers versenkt, die Kippe baumelte in ihrem Mundwinkel. Sie tranken Wodka und saßen nebeneinander auf der Couch.
„Ich bin froh, dass wir gegangen sind“, sagte er.
Sie begann zu plappern. Er versuchte mehrmals, in ihren Redefluss einzutauchen, aber dann war Claire bereits bei einer anderen Begebenheit, einer anderen Anekdote, alles, was er sagte, wirkte fehlplatziert. Nach dem zweiten Glas Wodka rückte er ein Stück an sie heran und legte ihr den Arm um die Schultern.

Matthew nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und drehte ihren Kopf in seine Richtung. Sie spürte seine Lippen, weich, voll. Die Spitze seiner Zunge, die sich vortastete. Ein Moment verging, bis sie seinen Kuss erwiderte.

Sie standen im Wohnzimmer, ihr Blazer lag mittlerweile auf der Couch. Er hatte die Spitze seiner Finger hinter dem Bund ihrer Jeans verhakt, spürte die weiche Haut ihres unteren Bauches.
„Nein“. Sie schüttelte den Kopf.
Matthew zog seine Hand zurück.
„Wir haben seit Wochen nicht mehr miteinander geschlafen.“
„Mir ist nicht danach.“
Sie wandte sich ab, er griff nach ihrer Hand, zog sie zu sich her. Sie wehrte seine Umarmung ab.

„Es tut mir leid. Bitte verzeih mir.“ Seine Schultern hingen nach vorn, den Kopf hatte er zwischen seine Hände gestützt, er sprach leise, sie konnte ihn kaum hören, zusammengesunken saß er auf der Couch.

Ihre Wange brannte noch immer, es war kein fester Schlag gewesen. Ihre Augen funkelten. Sie war schon einmal geschlagen worden. Der andere hatte ihre Hände an den Türrahmen gepresst, sie hatte sein Gewicht auf ihrem Rücken gespürt, seine drängende Hüfte, am nächsten Tag war sie davon erwacht, dass ihr Telefon läutete. „Ich gehe schlafen“, sagte sie und stand auf. Am nächsten Morgen erwachte sie, als er ihr Kaffee ans Bett stellte.

Die Jungs und das Mädchen waren in rascher Reihenfolge gesprungen. Matthew wusste, dass es Zeit war. Als er aufstand, fühlte er erneut Schwindel. Matthew wusste, was er tun würde, wenn er zurückgeschwommen war. Es würde dauern, aber er war sicher, dass er die Kraft dazu besaß.

Er ging leicht in die Knie, federte einmal, zweimal. Der Gedanke daran, wie er aus dem Wasser heraus auf sie zugehen würde, um vor ihr stehen zu bleiben, ihre Hand zu halten und eine Frage zu stellen, verfestigte sich. Matthew schnellte nach vorn und stieß sich vom Felsen ab.

Claire blinzelte, die Sonne färbte das Meer ein. Eine Frau war mit ihrem Hund gekommen, das Tier rannte wild ins Meer hinein und hinaus. Er bellte die anlaufenden Wellen an, schnappte nach ihnen, würgte, bellte erneut. Dann warf er sich herum und lief seiner Besitzerin nach, die am Rand der Klippe schon  auf ihn wartete.

Nach dem dritten Glas Wein hatte sie eine weitere Zigarette geraucht und sich am Kiosk einen Stift und ein paar Blatt Papier geben lassen.

Der Mann, der aufs Meer hinaus gekrault war, kam den Strand herauf. Die Auslagen des Kiosks waren schon verschlossen. Das Paar, das den Kiosk betrieb, reichte ihr noch einen Espresso in einem Plastikbecher, ehe sie eine Plane über den Billardtisch zogen. Sie  verschwanden in Richtung der Klippe.

Außer ihr, dem Mann, der noch nass vom Wasser glänzte und Matthew, irgendwo bei den Klippen, war niemand mehr hier.

Treibgut lag vereinzelt im Sand. Claire stütze ihre Hände gegen den Fels. Warm, stundenlang von der Sonne beschienen. Der Geruch nach Fisch, Tang, Meer. Er fickte sie hart. Hier waren sie vom Meer aus nicht zu sehen.

„Bist Du gesprungen?“
Er stand in den auslaufenden Wellen gebeugt, die Hände auf den Oberschenken abgestützt. Anfangs war er ruhig geschwommen, bis er in einen schnelleren Takt verfiel, die Frage an sie trieb ihn vorwärts. Wasser tropfte von ihm herab, versickerte im Sand. Das Schwimmen zurück zum Strand hatte ihn angestrengt. Er nickte und richtete sich auf.

Sie stand auf einem kleinen Felsblock, die fertig gepackte Strandtasche baumelte über ihrer Schulter.
„Ich geh zum Wagen.“, sagte sie.
Er beobachtete, wie sie dem Pfad folgte, Stufe für Stufe die Klippe hinauf, bis sie aus seinem Sichtfeld verschwand. Wo sie gelagert hatten, warteten seine Sachen, wie er sie zurückgelassen hatte. Als er sein Handtuch hochhob, segelten einige Seiten Papier zu Boden.

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